Sammler aus Leidenschaft

Beim offenen Briefmarkenstammtisch in Rodenbach geht es nicht nur um den Tausch von Marken und Sammlungen, sondern auch darum, miteinander ins Gespräch zu kommen. Foto: Matthias Grünewald

Beim Stammtisch der Philatelisten in Rodenbach kommen Gleichgesinnte zusammen.

Rodenbach/Freigericht/Gründau – Die Alben liegen auf dem Tisch. Darin säuberlich eingesteckt: Briefmarken. Was als Hobby in den 1960er und 1970er Jahren seine Hochzeit erlebte, wird mittlerweile nur noch von wenigen Enthusiasten betrieben. Alexander Bernhardt aus Rodenbach und Marian Guzun aus Erlensee haben sich aufgemacht, diese Freizeitbeschäftigung mit neuem Leben zu füllen. Regelmäßig treffen sie sich mit Gleichgesinnten im Café Princess, um zu fachsimpeln oder neue Kontakte zu knüpfen.

„Der Markt für Briefmarken ist eigentlich tot“, bestätigen die Sammler. Eine vollständige Sammlung mit allen Marken Dänemarks werde für 20 Euro gehandelt, so ein Beispiel. Oder: „Ich habe sogar schon viele Sammlungen aus dem Altpapiercontainer gefischt“, heißt es. Ein Hobby im Niedergang könnte man meinen und doch geht hier eine Gruppe einer besonderen Sammelleidenschaft nach. Manch einer sammelt nur die Briefmarken mit Fischmotiven, ein anderer nur Blumen, erläutert Bernhardt. Ein ganz besonderes Sammelgebiet bringt ein Philatelist aus Langenselbold zum monatlichen Treffen mit: Das Taxquadrat 502. Dahinter verbirgt sich ein geografisches Quadrat, das seinerzeit für die Berechnung des Portos von Bedeutung war. Es umfasst die Entfernung vom Abgangsort bis zur Bestimmung. Zum Beispiel von Salmünster bis Niederrodenbach. Und während andere Marken sammeln, geht es hier ausschließlich um den Poststempel im betreffenden Quadrat. Ein Sammelgebiet, das auch in der kleinen Runde unbekannt ist und Staunen hervorruft.

Wer zum Treffen nach Rodenbach kommt, möchte in der Regel etwas tauschen, um die eigene Sammlung zu komplettieren oder auch einige Stücke zu verkaufen. „Ich habe hier meine Schätzchen“, berichtet Bernhardt von mancher Begegnung. Groß ist dann die Enttäuschung, wenn für das vermeintliche „Schätzchen“ nicht der erhoffte Preis erzielt wird.

Alexander Bernhardt sammelt nicht, um große Werte zu besitzen. Ihm geht es um Geschichte, erzählt er. Denn die erzählen die Marken auf besondere Weise. Sondermarken zum 200. Geburtstag von Ludwig van Beethoven etwa oder zu besonderen Jubiläen lassen innehalten und sich an die Zeit erinnern. Längst vergangen aber sind jene Zeiten, als Sammler an den Ausgabestellen nach druckfrischen Briefmarkenbögen verlangten. Der in den neuen Marken eingefügte Pixelcode ist Sammlern wie Bernhardt ein Graus. „Das verunstaltet die ganze Marke.“ Welch kunstvolle Markenwelt sich vor dem Betrachter auftun kann, wird schnell deutlich, wenn man eines der Alben aufschlägt. Vielfarbige Marken, häufig von Künstlern gestaltet und entworfen, gleichen mitunter Gemälden und erzählen leuchtend von einem Moment zu ihrer Zeit. „Früher waren Briefmarken die Aktie des kleinen Mannes“, erzählt Bernhardt. „Heute sammle ich nur zum Spaß“, ergänzt der Rodenbacher Wolfgang Kleinert. Seine Alben sind Erbstücke, begonnen vom Opa, fortgeführt vom Vater und nun hält sie der Sohn in Händen.

Briefmarken sind auch eine Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Das wird schnell beim Treffen deutlich. Willkommen sind bei den regelmäßigen Treffen nicht nur Sammler von Briefmarken. Auch Freunde der Modelleisenbahnen, vornehmlich Spur H/0. Das nächste Treffen ist für September angedacht. Zuvor aber lohnt sich für Freunde des Vergangenen ein Besuch des Oldtimertreffens des Oldtimer- und Motorsportvereins Freigericht auf dem Gelände von Möbel Höffner in Gründau-Lieblos am 8. Juni. Dort kann man Alexander Bernhardt wiedertreffen und vielleicht auch über Briefmarken sprechen.  

Von Matthias Grünewald