„Simplicissimus“ neu interpretiert

Simone Grünewald hat den Text des Klassikers gekürzt und in eine moderne Sprache gepackt. Klaus Puth hat Comics zu 25 Abschnitten des Buches beigesteuert. Foto: Andrea Euler

Der Traum einer ganzen Schülergeneration geht in Erfüllung: Es gibt den „Simplicissimus“ von Grimmelshausen nun als leicht lesbare, in moderne (Jugend-) Sprache übertragene Ausgabe.

Gelnhausen – Ergänzt wird der Text durch Comic-Szenen, was die Lektüre der Neuinterpretation von „Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“ von Grimmelshausen noch weiter erleichtern soll. Simone Grünewald, die für die moderne und jugendgerechte Sprache zuständig ist, hat sich damit einen lang gehegten Traum erfüllt. Klaus Puth zeichnet verantwortlich für die Zeichnungen. Gemeinsam haben die beiden damit ein niedrigschwelliges Angebot geschaffen für Vielleser ab neun Jahren, generell für Jugendliche ab zwölf Jahren und überhaupt für alle, die einen leichten Zugang zu Grimmelshausens Werk suchen. Erschienen ist das Buch im heimischen Triga-Verlag. Und mit einer verkauften Stückzahl von mehr als der Hälfte der gedruckten Auflage offenkundig schon jetzt ein Bestseller.

Sehr zur Freude von Simone Grünewald. Die studierte Germanistin und Historikerin leitet das städtische Museum in Gelnhausen und die Abteilung Kultur & Tourismus. Sie trägt die Idee zu dem Buch in groben Zügen schon seit 15 Jahren mit sich herum. Und gilt als ausgewiesene Fachfrau: Bereits ihre Magisterarbeit schrieb sie 2002 über das Werk des berühmten Barockdichters. Bei einer Neugestaltung des Gelnhäuser Museums wurde ihr die Aufgabe zuteil, ein ganzes Stockwerk mit Grimmelshausen und seinen Erstausgaben zu konzipieren. „Im Museum habe ich festgestellt: Wenn ich viel Glück habe, wissen die Gäste, wer den Simplicissimus geschrieben hat. Und noch weniger haben ihn gelesen. Ich bedauere das.“

Dank eines Projektstipendiums der Hessischen Kulturstiftung Wiesbaden ergab sich die Möglichkeit, eine jugendgerechten Nacherzählung des Simplicissimus zu realisieren. „Die ursprüngliche Idee war: Eine Seite Text, eine Seite Comic, das dann zwanzigmal und das wird ein Buch mit 40 Seiten“, erinnert sich Grünewald lachend an die ersten Pläne. 176 Seiten sind es nun, 150 Illustrationen schmücken das Werk.

Die „Arbeitsfreundschaft“ zu dem Illustrator Klaus Puth, Mitglied der Frankfurter Künstlergesellschaft 1857 und im Bund Offenbacher Künstler, reicht schon viele Jahre zurück und erwies sich auch für das neue Projekt als Glücksfall. Schon 2009 arbeiteten die beiden Grimmelshausen-Liebhaber zusammen, als es darum ging, dass für die Grimmelshausen-Welt von Puth drei Kinderfiguren nach historischem Vorbild erfunden wurden: Barbarossa, Philipp Reis und Grimmelshausen. Vertraut mit Karikatur, Cartoons und Bilderbuch-Illustrationen sah der 70jährige Puth, der Comics in seiner Kindheit als „Schundliteratur“ kennenlernte, in der Realisierung der Comic-Szenen eine neue Herausforderung. „Da muss man sich reindenken. Wir haben gesagt: Wir versuchen es.“ Mit Erfolg: Als die ersten zwanzig Comicseiten fertig waren, sagte seine Frau Uschi Knobeloch-Puth: „Im Grund könnt ihr das ganze Buch als Comic machen.“

Wobei die Kombination aus Text und Illustration den besonderen Reiz ausmacht: „Für meine Magisterarbeit habe ich die Werke ja bereits seziert. Und dann habe ich mich gefragt, welche Teile sich gut in Bildern umsetzen lassen. Zwölf, 13 Stück.“ Am Ende waren es 25. „Ich habe dann meine Texte so enden lassen, dass sie in die Comics münden. Und die Übergänge gemacht.“ Das Kürzen machte dabei einen Großteil der Arbeit aus, wozu Grünewald erläutert: „Man kann dieses „Monster“ nicht komplett erzählen. Man muss es textlich eindampfen. Als Grimmelshausen-Liebhaber schafft man das nicht. Manche Passagen sind sprachlich so markant und so wichtig, dass ich nicht fertig bekommen habe, das umzuarbeiten. Ich habe das Original durchblitzen lassen.“ Am schwierigsten sei der Anfang des Simplicissimus auch im Original. Da habe sich Grünewald gedacht: „Wenn Du jetzt über die Fußnote die ersten Gags die ersten Schmunzler reinbringst, hast Du die Leser gepackt.“ Hilfe kam von Tochter Elisabeth. Die damals Neunjährige machte sich mit dem Rotstift ans Werk und fragte nach, wenn sie Begriffe nicht verstand. Für diese wurden dann flockige Fußnoten erstellt.

Grimmelshausen-Liebhaber sind die Germanistin und der Künstler beide. „Ich habe den Simplicissimus zwei- bis dreimal gelesen. Man entdeckt immer wieder etwas Neues“, sagt Puth. Die 47-jährige Grünewald stimmt ihm da zu: „Ich habe keine Ahnung, wie oft ich ihn gelesen habe. Oft. Und ich habe auch bei der Neuübersetzung von Reinhard Kaiser wieder etwas Neues entdeckt.“ Humor ist das, was sie an Grimmelshausen besonders schätzt: „Grimmelshausen schreibt originell, witzig, verrückt, teilweise vollkommen abgefahren, spannend und manches Mal überraschend aktuell.“

Mit ihrer Lieblingsszene hat Grünewald sogar ihre „rudimentären Französisch-Kenntnisse“ verbessern können: In der Hanauer Gasterey kommt der Begriff „Je pete“ wiederholt vor: „Ich pfurze.“

„Aus der Hose springen“ könne sie, wenn sie – wie oft – von Grimmelshausen als „Kriegsberichterstatter“ des Dreißigjährigen Krieges lese. „Wenn man sich durch die ersten Seiten durchgekämpft hat, kommt ja was ganz anderes.“

Für Puth birgt jedoch genau dieser Aspekt einen klaren Bezug zu heute: „Wenn man das liest, stellt man doch fest, dass die Menschheit in den letzten 400 Jahren nichts dazugelernt hat.“

Die gemeinsame Arbeit hat sich gelohnt. Positive Rückmeldungen kommen von allen Seiten: Ehemalige Professoren loben Grünewalds Werk, viele Lehrer des Gelnhäuser Grimmelshausen-Gymnasiums haben das Buch bereits gelesen. Am meisten freut sie die Rückmeldung: „Jetzt verstehe ich endlich, warum Du Grimmelshausen so toll findest.“ In Renchen – nach Gelnhausen der zweiten wichtigen Station in Grimmelshausens Leben – habe es einen regelrechten „Signiermarathon“ gegeben, erinnert sich Puth schmunzelnd. Dort soll, ebenso wie in Gelnhausen, eine Ausstellung mit den Originalzeichnungen stattfinden.

Und im März wird es eine Lesung am Grimmelshausen-Gymnasium geben. „Wenn die Grimmels-Schüler am Ende zu Grimmelshausen finden, würde ich sagen: Ziel komplett erreicht“, schmunzelt Grünewald.

VON ANDREA EULER

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