„Der vergessene Erfinder“

Vor 150 Jahren starb der aus Gelnhausen stammende Telefon-Erfinder Philipp Reis.

Gelnhausen – Es gibt große Sätze, die wichtige Stationen der Geschichte markieren. „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein riesiger Sprung für die Menschheit“, sagte zum Beispiel Neil Armstrong bei der ersten Mondlandung 1969. Martin Luther Kings „I have a dream“ von 1963 wurde weltberühmt; und als die DDR-Bürger 1989 skandierten „Wir sind das Volk!“ wurde das weltweit zum Inbegriff und Symbol der friedlichen Revolution.

Vielleicht hätte sich der Schwager von Philipp Reis etwas Markanteres ausdenken sollen als „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“. Das war der erste Satz, der vor 163 Jahren über das neu erfundene Telefon übermittelt wurde. Sein Erfinder, der aus Gelnhausen stammende Lehrer Philipp Reis, ist am 14. Januar vor 150 Jahren gestorben. Mit dem Satz vom Pferd geht man schwerlich in die Analen ein. Das ist überhaupt ein wenig das Problem mit Philipp Reis: dass er nicht die Berühmtheit erlangt hat, die ihm eigentlich zukommen müsste. Der Mann, der das Telefon erfunden hat, ist weniger bekannt als Alexander Graham Bell (1847-1922), dem zumeist diese Erfindung zugeschrieben wird.

Am 7. Januar 1834 kam Philipp Reis an der Langgasse in Gelnhausen zur Welt. Am Geburtshaus erinnert eine Tafel und im Ortskern eine Büste an den nach Grimmelshausen („Simplicissimus“) wohl bedeutendsten Gelnhäuser. Nur rund zehn Jahre lebte Philipp Reis in der Barbarossastadt. Die Mutter starb bereits ein Jahr nach seiner Geburt, der Vater, ein Bäcker und Nebenerwerbslandwirt, 1844 mit gerade mal 34 Jahren. Die Großmutter verkaufte das Haus, schickte Philipp aufs renommierte Institut Garnier, eine Privatschule in Friedrichsdorf. In der Stadt im Taunus starb Reis vor genau 150 Jahren: schwer an Tuberkulose erkrankt und verarmt. Er wurde nur 40 Jahre alt.

Sein Leben indes war ein in vielerlei Hinsicht besonderes – mit der Erfindung des Telefons als Höhepunkt. In Friedrichsdorf jedenfalls blühte das Genie des Bäckersohns förmlich auf. „Eine neue Sphäre bot sich hier meinem Eifer und Wissensdrang dar“, schrieb Reis später. Sprachen hatten es ihm angetan – und das Tüfteln und Erfinden. Auch bei einer Lehre als Kaufmann in Frankfurt tat er sich schnell hervor, bekam die Erlaubnis, Privatunterricht in Mathematik zu nehmen und Vorträge über Mechanik zu hören. Bereits als 17-Jähriger soll er davon geträumt haben, „die Tonsprache selbst direkt in die Ferne mitzuteilen.“ Es dauerte freilich noch rund zehn Jahre, ehe ihm das tatsächlich gelang.

Davor standen andere Erfindungen: Unter anderem befestigte er Rädchen an Schlittschuhen. Erst deutlich später fanden die „Rollschlittschuhe“ Verbreitung, nachdem glatte Asphaltböden aufkamen. Ein Dreirad, auf dem man in einer Art Holzkasten saß und das zwei größere Räder an der Seite und vorne ein kleines hatte, nannte Reis „Velociped“. Es wurde per Hand in Bewegung gesetzt. Unter die Rubrik Kuriositäten fällt der „zuverlässige Wecker“. Der bestand aus einem Pflasterstein, der an eine Schwarzwälder Pendeluhr gehängt war. Bei einer bestimmten Uhrzeit sollte sich der Stein lösen und auf den Arm des Schläfers fallen. So richtig getestet habe er den Wecker nie, soll Reis erklärt haben. In banger Erwartung des Steinschlags sei er stets zuvor wach geworden ...

Nachdem Reis ab 1853 weitere Institute besucht und ein Militärjahr absolviert hatte, kehrte er 1858 an seine frühere Schule, das Institut Garnier in Friedrichsdorf, als Lehrer zurück. Nicht nur, weil er mit seinen Schülern viel experimentierte, soll er außerordentlich beliebt gewesen sein. Er tüftelte auch privat mit großem Eifer. Eine Scheune hatte er dazu als Werkstatt ausgebaut. Von dort spannte Reis den ersten Telefondraht, der zum Wohnhaus führte. Die von Reis Telephon (Tele = fern und Phon = Sprachlaut) genannte Erfindung war ans menschliche Ohr angelehnt und so einfach wie genial: Über ein geschnitztes Holzohr spannte er eine Wursthaut als Trommelfell und verband es über den langen Draht mit einer Geige als Klangkörper. Ein auf der Membran befestigtes Platinplättchen und ein Platinstift simulierten die Gehörknöchelchen. Dieser Platinkontakt war Teil eines Stromkreises. Sprach man in das Ohr hinein, geriet die Membran in Schwingungen und erzeugte eine Modulation des Stroms. Die so hervorgerufenen akustischen Schwingungen wurden in Stromimpulse übertragen und über eine Spule und einen Stab empfangen.

„Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“, gesprochen von Reis’ Schwager, war der erste telefonisch übertragene Satz der Weltgeschichte. So skurril er anmutet – es sollte verhindert werden, dass man ihn erschließen kann, ohne ihn wirklich zu hören. Darum wurde als erste offiziell dokumentierte fernmündliche Nachricht auch der Satz übermittelt „Die Sonne ist von Kupfer.“ Es war der schlechten Übertragungsqualität geschuldet, dass ankam: „Die Sonne ist von Zucker.“ Im Oktober 1861 stellte Philipp Reis seine bahnbrechende Erfindung beim Physikalischen Verein Frankfurt vor. Es wurde ein Erfolg. Zum Patent anmelden konnte er sie aber nie. So etwas gab es erst zwei Jahre nach seinem Tod. Darum galt lange Zeit Alexander Graham Bell als Vater des Telefons, da er ab 1876 just über ein Patent verfügte. Philipp Reis blieben auch weitere Verbesserungen an seiner Erfindung versagt. Seine schwere TBC-Erkrankung ließ das nicht mehr zu. Vor 150 Jahren starb der Gelnhäuser in Friedrichsdorf im Kreis seiner Familie. Verheiratet war er mit Margarethe Schmidt. Auch sie stammte aus Gelnhausen.

Wie findig Philipp Reis war, den Wolfram Weimer in seinem Buch „Der vergessene Erfinder“ als „vielleicht einen der kreativsten und ehrgeizigsten deutschen Tüftler überhaupt“ bezeichnete, zeigt auch ein „Selfie“, das er 1862 nach einer Vorführung seines Telephons machte. Für die Fotografie konstruierte er ein pneumatisches Gerät um, das eigentlich dazu diente, Notenblättern beim Klavierspiel umzublättern.

Von Christian Spindler

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